Nur den Menschen,
die du geliebt hast,
bist du wirklich begegnet
in dieser Welt.

Die anderen haben
deinen Weg nur gekreuzt.

by Hans Kruppa




  Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 



https://myblog.de/traumschwer

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Dunkel sind die Tagen, an denen längs vergangene Erinnerungen sich wieder in den Vordergrund und die Gedanken drängen.

Mit dem Video von Joko und Claas zum sexuellen Missbrauch von Frauen und der immer noch vorherrschenden Männerwelt fing das Dilemma an. Es ist wahr. Es kann vermutlich jede Frau von sexueller Gewalt oder Machtmissbrauch der einen oder anderen Art berichten.

Bin ich vergewaltigt worden? Nein. Nein, es gab keine Gewalt. Dennoch war es Missbrauch. Ich ließ mich zu sexuellen Handlungen nötigen, die ich eindeutig nicht tun wollte. Es war nichts über die Maßen außergewöhnliches. Dennoch wird mir schlecht bei dem bloßen Gedanken daran, die Bilder packe ich weg, sobald sie aufkommen. Es war häuslicher, sexueller Missbrauch. Heute weiß ich das. Damals habe ich mich nur vor mir selbst geekelt. Aber er hatte mich dazu gebracht zu glauben ich sei es ihm schuldig. Ich müsse mit ihm schlafen für die Beziehung. Das wäre meine Pflicht in dieser Beziehung. Gleichzeitig ließ ich mir von ihm meinen sozialen Rückhalt nehmen und meinen Selbstwert. Stück für Stück bis ich gewisse Taten eben zuließ. Dass er sich nicht selbst vor mir geekelt hat mit meiner Teilnahmslosigkeit oder meinem sichtbaren Widerwillen. Ob er es je als Missbrauch empfunden hat? Nein. Er hat es vermutlich nicht bewusst getan. Er hat einfach die Rolle gelebt, die das Mann-Sein ihm vorgab. Und ich war nicht stark genug, dem zu widersprechen.

Männerwelten fing doch aber in der Schulzeit schon an. Mit dem Exfreund, der erzählte, man habe hemmungslos im Ehebett seiner Eltern gevögelt, während man doch gar keinen Sex gehabt hatte. Die guten Kumpels, die dem Jungen, in den ich verliebt war und der in mich verliebt war, verboten hatten, sich mit mir zu treffen, weil ich so eine furchtbare Schlampe sei. Ich hatte zwar über die Jahre mehrere Jungs geküsst, war zu meinem Abitur aber immer noch Jungfrau. So eine Schlampe war ich.

In der Zeit danach hatte ich mich schon derart an Männerwelten gewöhnt, dass ich mich ihnen später völlig unterwarf und Dinge zuließ, die "mir nicht schadeten und ihn doch glücklich machten". Aber es hat mir eben doch geschadet. Und es hat Narben hinterlassen.

Zuetzt war da dieser Mann, den ich liebte und mit dem ich mein Leben verbringen wollte. Ich war bereit, mit ihm meine Zukunft zu planen. Ich wurde schwanger, weil er es wollte. Weil es sein größter Lebenstraum war und wir zu der Zeit glücklich genug waren miteinander, dass ich dachte, es könne wirklich funktionieren. Doch ich verlor das Kind. Oder wie eine gute Freundin sagte: in den ersten 12 Wochen verliert man kein Kind, da resorbiert man nur. Ich resorbierte also. Und trauerte allein. Er hat nie, nicht ein einziges Mal mit mir darüber gesprochen. Stattdessen nur beständig auf Sex gedrängt und eine Schwangerschaft. Nicht "eine neue" Schwangerschaft. Nur eine Schwangerschaft. Als hätte ich diesen ersten Verlust nie erlitten. Als hätte er ihn nicht erlitten. Als hätte es ihm nie etwas bedeutet, denn es war ja einfach nur ergebnislos. Er wollte mehr Sex von mir als ich ihm geben konnte, so sehr ich mich auch bemühte. Einen neuen Verlust wollte ich nicht erleiden und das hat die Trennung bedeutet. War es Missbrauch? Vielleicht, ich weiß es nicht. Kein sexueller. Aber emotionaler. Oder physischer. Meinen Schmerz hat er nie gesehen, nur mein Unvermögen, sein Brutkasten zu sein.

Doch wann hat all dies angefangen? Wann hat angefangen, dass ich mich so benutzen lasse, meinen eigenen Wert so klein halte, damit es anderen besser geht? So lieb ich sie auch habe. Begonnen hat es mit meiner Mutter vor über 25 Jahren, die ihren Kummer über ihre Ehe an mir, ihrer Tochter, seiner Tochter ausließ. Sie brauchte jemanden zum Reden. Das kann ich verstehen. Dennoch hörte ich jahrelang, was für ein schrecklicher Mensch mein Vater sei. Was er ihr alles antun würde (emotional). Dass er mich gar nicht gewollt hatte, sondern sie mich ihm untergeschoben hatte. Wenn er gewusst hätte, dass die Möglichkeit bestand, ich wäre körperlich behindert auf die Welt gekommen, er hätte meine Abtreibung gewollt. Denn er konnte nie mit behinderten Menschen, sie hätten ihn angewidert oder zumindest peinlich berührt. Jahrelang hat sie mir erzählt, dass sie unbeschreibliches, emotionales Elend unter ihm auf sich nahm und sich nicht von ihm trennte, ihrer Kinder wegen. Sie hat mir jahrelang gesagt, dass wir, ihre Kinder, schuld waren an ihrem Elend. Aber es sei ein Opfer, zu dem sie gerne bereit gewesen sei.
Ich weiß, dass sie das wirklich so empfindet. Dass sie sich als Opfer fühlt seit vierzig Jahren oder mehr. Auch ihre Eltern waren kein gutes Vorbild. Sie wollte mich nicht brechen und es würde sie fertig machen, wenn sie wüsste, dass sie es getan hat. Sie brauchte ein Ventil und sah damals keinen Ausweg. Doch ich war ein Kind. Ich war nicht die richtige Adresse. War es emotionaler Missbrauch? Ich weiß es nicht. Doch sie hatte eine Macht über mich und meine Gefühle, meine Gefühle meinem Vater gegenüber, die mich lange Zeit beeinflusst hat. Und meine Fähigkeit zu lieben und zu vertrauen, eine gesunde, gleichwertige Beziehung zu führen, ohne dass sich einer dem anderen unterordnet, nachhaltig beeinflusst hat.

Wenn ich zurückblicke auf mein Leben, ja, dann fühle ich mich missbraucht. Von Menschen, die mich lieben sollten. Und wenn die Bilder aufsteigen, kommen mir die Tränen und der Ekel und die Enttäuschung über den Verrat, so dass ich alles ganz schnell wieder einpacke. Und ich merke, dass es tatsächlich noch immer mein Jetzt beeinflusst. Ich hoffe, dass ich mir eines Tages die Bilder ansehen kann, ohne all diese Gefühle und ohne Tränen. Ich hoffe, dass ich eines Tages die Bilder ansehen kann, ohne zu denken, dass ich es irgendwie verdient hatte wie es gelaufen ist. Ich hoffe, dass ich eines Tages auf die Bilder in meinem Kopf blicken kann, und wirklich verstanden habe, dass es nichts über mich aussagt oder meinen Wert. Ich hoffe es sehr.
19.5.20 22:51
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)

 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung